Qualitätsunterschiede bei Kletter-Seilen

Kletterseile sind ziemlich simpel: Sie verhindern, dass Du abstürzt. Beim Preis gibt es dennoch große Unterschiede. Hier sind einige Tipps, damit Du Dir das passende Seil aussuchst und nicht zuviel Geld dafür bezahlst.

Gewicht

Die meisten Einfachseile wiegen zwischen 55 und 85 Gramm pro Meter – bei 60 Metern Seillänge ergibt sich eine Spanne von 3,3 bis 5,1 Kilogramm. Stelle Dir den mehrstündigen Zustieg zu einer alpinen Route oder das Nachziehen des Seils am oberen Ende einer 30-Meter-Sportkletter-Route vor: Leichte Seile sind besser.

Mittenmarkierung

Wichtig ist eine deutliche Markierung der Seilmitte:

  • Wenn das Seil zu kurz ist, bemerkst Du es nicht erst beim Ablassen des Vorsteigers.
  • Leichtere Abseil-Vorbereitung: Du siehst, wann beide Seil-Enden gleich lang sind.

Bei neuen Seilen gibt es drei Varianten:

  • Gar keine Markierung
    Mein erstes Seil hatte z.B. wirklich gar keine Seilmitten-Markierung. Du kannst Dir dann entweder eine Markierung mit Klebeband selber basteln (verhakt und verschiebt sich leider) oder mit einem Stift anbringen (und hoffen, dass die Tinte dem Seil nicht schadet).
  • Eingefärbte Markierung
    Diese Markierungen reiben sich mit der Zeit ab, so dass Du sie nach einigen Monaten intensiver Benutzung nicht mehr siehst.
  • Bicolor-Seile
    Die beiden Hälften dieser Seile sind mit unterschiedlichen Mustern oder Farben markiert. So siehst Du auf den ersten Blick, ob Du schon über die Mitte hinaus bist – auch wenn Du nicht permanent auf die Mitten-Markierung achtest. Eine perfekte Lösung, die leider ziemlich teuer ist.

rope.jpgMantelanteil

Kletterseile bestehen aus einem Kern, der die Zugbelastung trägt, und einem Mantel, der den Kern schützt. Der Mantel macht in der Regel zwischen 30% und 50% des Gesamtgewichtes des Seiles aus. Wenn Du ein robustes Seil brauchst und es Dir nicht so sehr auf dessen Gewicht ankommt (z.B. Toprope in der Kletterhalle), nimmst Du eines mit tendenziell höherem Mantel-Anteil.

Imprägnierung

Vorteile der imprägnierten Seile:

  • Du kannst mit ihnen besser Eisklettern gehen, weil sie durch die Feuchtigkeit nicht wesentlich schwerer werden.
  • Sie haben etwas weniger Seilreibung.

Imprägnierte Seile sind in der Regel geringfügig teurer als nicht-imprägnierte Seile. Die Komfort-Unterschiede halten sich in Grenzen, solange Du nicht zum Eisklettern möchtest.

Sicherheit

Kletterseile reißen nicht. Wirklich nicht. Deshalb gibt es auch kaum Unterschiede bei der Sicherheit.

Viele Hersteller werben trotzdem damit, wieviele Normstürze ihr Seil aushält. Du wirst in der Realität keinen einzigen Sturz erleben, der auch nur in die Nähe eines Normsturzes kommt: Dafür müsstest Du bei einem Gewicht von 80 kg einen Sturzfaktor von 1,7 schaffen, also z.B. bei 30 Metern ausgegebenem Seil 51 Meter weit fallen (hinzu kommt noch die Seildehnung!).

In der Halle ist das offensichtlich unmöglich, weil Du lange vorher auf dem Boden aufschlagen würdest, am Berg müsste der Vorsteiger an Deinem Standplatz vorbeifallen. Aber selbst in diesem Fall würde ein Normsturz voraussetzen, dass Du den Sturzzug absolut statisch hältst – in der Realität jedoch wird das Seil ein Stück weit durch Dein Sicherungsgerät durchlaufen und die Sturzbelastung dadurch wesentlich verringern.

Laut Pit Schubert sind in den 18 Jahren zwischen 1983 und 1999 nur fünf Kletterer durch Seilriss abgestürzt:

  • Bei einem Unfall wurde das Seil beim Sturz über eine scharfe Kante quasi abgeschnitten.
  • Bei vier Unfällen wurde das Seil vorher chemisch beschädigt, z.B. durch Batteriesäure.

Die Seil-Qualität hat auf diese Unfall-Ursachen kaum Einfluss.

Wo kaufst Du in München am besten ein Kletterseil?

Von den Münchener Kletter-Läden hat Sport Schuster die subjektiv beste Auswahl und Rumrich die besten Preise. Alternativ kannst Du Dein Seil beim nächsten Kurzurlaub in Arco kaufen – die starke Konkurrenz dort sorgt für sehr gute Angebote!

Gebrauchte Kletterseile kaufen?

Besser nicht. Du kannst nicht beurteilen, ob das Seil mit Säuren in Berührung gekommen ist und dadurch einen Großteil seiner Festigkeit eingebüßt hat. Und Du weißt auch nicht, wie viele weite Stürze es schon aushalten musste. Das Risiko lohnt sich nicht.

(Foto via flickr von elementality)

5 Responses to Qualitätsunterschiede bei Kletter-Seilen
  1. Sebastian Antworten

    Hi,

    Danke für den Artikel und insgesamt für die tolle Kletterseite.

    viele Grüße,
    Sebastian

    PS: Der Link zu den Kletterläden im Artikelt geht nicht (führt auf einen geschützen dev.-Bereich)

  2. mix Antworten

    Sebastian, danke für den Hinweis! Der Link ist korrigiert.

  3. Martin Antworten

    Super Artikel!
    Was ist, wenn sich der Mantel vom Kern löst? Ist das auch kein Sicherheitsproblem? Es scheint die Krangelung zu begünstigen, ändert sich auch die Dehnung beim Sturz?.

    Der neue Globetrotter hat auch Seile, steht in der Auswahl dem kleinen Rumrich aber insgesamt nach, auch was Seile betrifft.

    Noch ein Wort zu der Länge: Für die Halle reichen meist 50 Meter. Für draußen sollte eher am pro-Meter-Gewicht gespart werden, daß man nicht ein zu kurzes Seil dabei hat (siehe „Nordwand“-Film)
    Gleich sich angewöhnen, einen Knoten ins Seilende zu machen!

    Und zu der Stärke:
    Am Besten das eigene Sicherungsgerät mit Karabiner mitnehmen und testen; z.B. beim ClickUp macht das einen riesen Unterschied: Imprägniert , Karabinerform, Seilstärke

  4. gutsyheron Antworten

    danke endlich erklärt mal jemand was ein normsturz ist. damit fühl ich mich heute für die halle schon sicherer 😉

  5. Anna Antworten

    Noch ein Wort zur Sicherheit: Wenn der Kletterpartner deutlich schwerer ist, lieber ein dickeres Seil nehmen (wenn man keinen Halbautomaten hat). Habe schon böse Überraschungen mit einem sehr dünnen, neuen Seil und einem Kletterpartner, der doppelt so schwer war wie ich, gemacht.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Please enter your name, email and a comment.